Mein „Ministerium der Wahrheit“

(14.05.2020) Da fragte ich mich dieser Tage, wo eigentlich die Wahrheit wohnt. Die aktuelle Zäsur gibt alten Fragen einen neuen Anstrich.

Wohl an! Vor zweihundert Jahren entriss man der Kirche das Wahrheitsmonopol. „Gebrauche deinen Verstand und du wirst die Wahrheit finden“, so ging der hoffnungsvolle Ruf durch die Länder. Jetzt erleben wir, dass auch die klügsten Köpfe in einer dringlichen Sache nicht zu einem einheitlichen Schluss kommen.

Da habe ich es gut. Obwohl kein Epidemiologe, habe ich mir mein Urteil gebildet. Dazu stellte ich mir aus dem grossen Chor der Experten meinen eigenen Rat der Weisen zusammen. Und jetzt beim zweiten Hinsehen frage ich mich, welche Instanz eigentlich über die Zusammensetzung dieses privaten „Ministerium der Wahrheit“ bestimmt.

In der allgemeinen Kakophonie der Informationen laufen einem unzählige Übertreibungen, Auslassungen und Widersprüche über den Weg. Die überhört man, übersieht man und doch lagern sie sich irgendwo ab und bestimmen dann klammheimlich, wer in den Kreis der Weisen erhoben wird oder nicht. Es sind diffuse Vorgänge, schwer zu beschreiben und unscharf.

Der alte Plato sprach schon davon, dass es neben „wahr“ und „falsch“ eine dritte Kategorie von Erkenntnis gäbe. Die Mathematik der Mengenlehre spann den Faden weiter und hielt fest, dass Elemente unterschiedlichen Mengen angehören können. So kann ein Element zur Menge „wahr“ und zugleich zur Menge „falsch“ gehören. Das ist die Logik der Unschärfe.

Was macht man in der Not. Ich glaube, dass das der Moment ist, in dem die Intuition das Zepter übernimmt. Sie fackelt nicht lange und ordnet auch zweideutigste Elemente klipp und klar der einen oder anderen Seite zu. Aus „wahr und zugleich falsch“ wird „wahr“ oder „falsch“. Damit rettet uns die Intuition die Freude am Leben, denn das andere wäre nicht auszuhalten. Danke.

Jesus gab in der Bergpredigt, Matthäus 5,37, das Folgende zu bedenken: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Gut erkannt, Rabbuni, nur ist es leider so, dass die Dinge nicht immer  so klar liegen, seit wir aus dem Paradies vertrieben wurden.

Pfarrer Hanspeter Schürch